Verfasst von: dina88 | März 10, 2009

Bericht Pfarrbrief Ittenbach – März 2009

Über den Wolken…

Mein Freiwilligendienst in Ecuador

Wie ich auf die Idee kam, nach Südamerika zu gehen, weiß ich eigentlich gar nicht mehr, jedenfalls habe ich das bereits vor vielen Jahren entschieden, und nichts und niemand konnte mich davon abhalten; nicht die nervenaufreibende Suche nach seriösen Organisationen und Projekten, nicht der Marathon an Behördengängen, Arztbesuchen und Einkäufen, und nicht einmal die Horrorgeschichten im Vorbereitungsseminar über Kriminalität, gefährliche Tiere und Krankheiten.

Die Entscheidung fiel letztendlich auf Ecuador, das zweitärmste Land Südamerikas, und den Schweizer Verein Cielo Azul, der auf verschiedene Arten die Gemeinden um die Stadt Otavalo herum unterstützt. Das Hauptprojekt besteht darin, in jede dieser Gemeinden einen Volontär zu schicken, der an den jeweiligen Schulen das unterrichtet, was die Lehrer dort nicht leisten können oder wollen, meist Englischunterricht. Dieser ist notwendig, damit die Kinder später ein Colegio, eine weiterführende Schule besuchen können, was dort leider immer noch die Ausnahme ist. Auf der einen Seite kann so direkt die Bildung der Kinder unterstützt werden, auf der anderen Seite kann dann das Vertrauen, das Kinder und Eltern zum Volontär aufbauen, auch dafür genutzt werden, für verschiedene Probleme zu sensibilisieren, wie z.B. Ernährung, Hygiene, (Weiter-)bildung von Kindern und Erwachsenen, häusliche Gewalt, Alkoholismus und sexuelle Aufklärung.

Ich selbst wurde in Uksha eingesetzt, einer kleinen Gemeinde, eine Stunde Busfahrt und eine Stunde Fußweg von Otavalo entfernt, etwa 3500m über dem Meeresspiegel, weshalb ich mich je nach Wetterlage entweder unter, über oder auch mitten in den Wolken befand. Hier unterrichtete ich 10 Monate lang in einer kleinen Dorfschule das 1.-6. Schuljahr in Englisch und Sport, und, je nachdem, welche Lehrerinnen gerade anwesend waren oder eben nicht, auch alles andere. Am Nachmittag gab ich weiterführenden Englischunterricht an alle interessierten älteren Schüler. Den Rest des Tages verbrachte ich mit meiner Gastfamilie und half, wo auch immer ich helfen konnte. Mit der Zeit lernte ich so, Mais zu säen, Kartoffeln zu ernten oder Schafe zu hüten. Das Wochenende verbrachte ich in Otavalo zusammen mit meinen „Kollegen“ im Freiwilligenhaus, oder auch gerne mit diversen Reisen durch dieses faszinierende, vielfältige Land: durch das Andenhochland, an die Pazifikküste oder in den Regenwald.

Oft werde ich gefragt, wie ich das überhaupt ausgehalten habe. Das Leben in diesen Gemeinden ist sehr einfach, oft gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser, die Ernährung besteht hauptsächlich aus den eigenen Produkten wie Kartoffeln und Mais und ist sehr eintönig, die Häuser sind nicht isoliert und schon gar nicht geheizt, die Dächer sind undicht, das Bett teilt man sich mit Flöhen, die Kinder in der Schule lernen schlecht, können sich nicht konzentrieren, die Lehrerinnen sind unmotiviert und schlecht ausgebildet, eigene Ideen lassen sich deshalb schwer umsetzen. All diesen Leuten sage ich, dass mir das alles nichts, oder fast nichts, ausgemacht hat. Der blaue Himmel, die atemberaubende Berglandschaft, die Dankbarkeit der Kinder und der Eltern, das ruhige, stressfreie Leben fernab von allem Trubel wiegt dies alles auf. Einige Male konnte ich einfach nur den Kopf schütteln, und immer wieder wurde mir bewusst, dass die Flugzeit von nur 12 Stunden völlig verschleiert, wie weit dieses Land, diese Welt überhaupt entfernt ist.

Das Leben dort ist fast perfekt. Aber nur fast. Das größte Problem besteht wohl darin, dass diesen Menschen dort vorgelebt wird, wie ihr Leben sein muss: Dass sie einen Fernseher brauchen, den man dort seitdem in jeder Lehmhütte findet, und dass ein Handy wichtiger ist als die Schulhefte für die Kinder. Dass ihre uralten Traditionen und ihre Sprache, das Quechua der Inka, schlechter sind als das Spanische. Hieraus resultieren Probleme wie z.B. der Alkoholismus.

Sicher gibt es auch andere Probleme: Wenn der Stier stirbt, ist das für eine Familie dort eine mittlere Katastrophe, wenn die Lebensmittelpreise wie im letzten Jahr um 50% steigen, treibt das viele Familien an den Rand des Existenzminimums.

Der Weg aus dieser Misere hinaus ist lang und steinig und führt nur über die Bildung. Langsam geht es voran, und wenn nur ein Kind mehr pro Gemeinde jedes Jahr zum Colegio geschickt wird, ist das für Cielo Azul ein Erfolg.

Ich selbst habe aus diesem Jahr also nicht nur mitgenommen, mich mit kleinen Dingen zufriedenzugeben und auf all unseren Luxus zu verzichten, sondern auch, mich mit kleinen Erfolgen zufriedenzugeben. Auch wenn mein Lohn aus nicht mehr bestand als aus einer handbestickten Tischdecke, die mir eine in Tränen aufgelöste Mutter am Ende mit den Worten übergab „wir haben nicht viel, was wir geben können, aber was wir geben können, das geben wir“, weiß ich, dass sie mir damit wahrscheinlich viel mehr zurückgeben, als ich ihnen je geben konnte.

So schwer mir im September 2007 mein Abschied von meiner Familie gefallen war, so schwer fiel mir im Juni 2008 der Abschied von Ecuador. Von all den liebgewonnenen Freunden, von den Kindern, von meiner Familie dort. Oft habe ich noch Heimweh, und ich sage bewusst Heimweh und nicht Fernweh. Es war jeden Euro, jede Träne und jeden Flohstich wert, und ich kann nur jeden jungen Menschen dazu ermutigen, einen solchen Schritt zu tun.

Wer genauer wissen möchte, was ich dort erlebt habe, oder Fotos sehen möchte, kann sich gerne meinen Blog anschauen (www.dina88.wordpress.com). Auch der Verein Cielo Azul freut sich über Besucher seiner Website (www.cieloazul.ch) oder die ein oder andere Spende zur Unterstützung der Projekte.

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