Verfasst von: dina88 | Juni 1, 2008

Wochenbilanz: Abschiedsvorbereitungen, doch kein Abschied, 1000 Broetchen, Topfschlagen und Schaulaufen

Mal wieder liegt eine recht ereignisreiche Woche hinter mir. Fangen wir doch beim Montag an:

5:30 Uhr aufstehen. Kaum aus dem Bett gekommen, die einzige Hoffnung: Es ist das aller-, allerletzte Mal… Mit viel Gepaeck zum Bus, da ich ja diese Woche meinen Abschied in der Schule feiern wollte.

7:30 Uhr: Ankunft in Angla mit allem Gepaeck, und dann den Berg hoch. Ausnahmsweise bin ich mal nicht allen davongelaufen, das Antibiotika zeigt seine Wirkung. Ich fuehle mich wieder wie im September, als ich an die Hoehenluft noch nicht gewoehnt war. Wie gut, dass die Referendare/Praktikanten die ganze Woche kommen sollten und ich eh nicht mehr zum UNterrichten kam. Nur noch ein paar Abschlusstests schreiben lassen und entspannen!

14:00 Uhr Der Weg zum Haus war der Hammer… Da haette ich fast ne Sauerstoffmaske gebraucht. Heute nachmittag ins Bett legen und schlafen? Nein, meine Gastmutter ist nun dran mit Backen, und ich wollte ja unbedingt mal mitgehen. Also ab in die Baeckerei. Die ist eigentlich keine Baeckerei, sondern eine „Backstube“ der „Asociacion de mujeres“, der „Frauengemeinschaft“. Die hatten im letzten Jahr vom Staat einen Ofen und sonstige Materialien geschenkt bekommen, um eine microempresa, ein kleines Unternehmen zu gruenden, seitdem gibt es in der comunidad eine kleine Baeckerei, und die laeuft sogar richtig gut. Im ersten Jahr haben sie 2000 Dollar Gewinn gemacht. Oder Umsatz, das konnte mir meine Gastmutter nicht so genau sagen. Jedenfalls ist das wahnsinnig viel Geld hier. Jede Frau muss etwa einen Monat lang alle 1-2 Tage kommen, um 1000 Broetchen zu backen und nun war eben meine Mama dran. Kleines Problem: Es gibt mal wieder kein Wasser aus der Leitung, und die Baeckerei hat kein grosses „Auffangbecken“ wie die Familien. Also sind wir zwei erstmal losgezogen, mit grossen Eimern, bei den benachbarten Familien um Wasser betteln gehen. Das ist dann natuerlich besonders lecker, steht seit Tagen oder auch Wochen im Becken, sieht schon reichlich dreckig aus- aber wir sind ja abgehaertet. Damit werden nun die Broetchen gebacken. 10 libra Mehl (das sind in etwa 5 kg), 2 Stueck „Butter“, SAlz, 1 libra Zucker, Hefe, Wasser, fertig ist der Broetchenteig. Fuer die „Salzbroetchen“, fuer die Zuckerbroetchen entsprechend mehr Zucker. Dieser Teig muss dann zu jeweils ungefaehr 125 Broetchen gerollt werden. Nette Arbeit. DAnn aufs Blech, noch mit Ei bestreichen und ab in den grossen Gasofen. Bis man das  4x durchgezogen hat, sind 5 Stunden vergangen. Und da wir erst um 16 Uhr angefangen hatten, waren wir bis 21 Uhr beschaeftigt. ZU der Zeit schlafe ich normalerweise schon seit fast einer Stunde. Entsprechend muede war ich auch. Aber es hat Spass gemacht und ist echt gemuetlich. Immer kommen irgendwelche Leute aus der Gemeinde an, helfen mit Backen, dann gibts fuer alle nen Taesschen Tee und warme frische Broetchen, abends bringt irgendeine Nachbarin nen Topf Huehnersuppe vorbei. So ist das Leben in Uksha…

Meine Gastmutter beim Brötchenbacken

Dienstag: hat mal wieder kaum Unterricht stattgefunden: Erst haben die Praktikanten unterrichtet, dann kam das Subcentro de Salud, sowas wie die Filiale vom Krankenhaus, um die Kinder zu impfen und entparasitisieren. Gibts das Wort? Egal, ihr wisst, was ich meine. Also Kinder vom 2. und 7. Schuljahr, Gummistiefel aus, auch wenn ihr dreckige Fuesse habt, alle wiegen und messen, dann Hose runter, leg dich hier ueber meinen Schoss, eine Spritze in den Popo und fertig bist du. DAnn haben alls Schulkinder die Tablette gegen die Darmparasiten genommen und noch 4 fuer die Familie zu Hause mitbekommen. Mit dem Hinweis: Wenn die mamacita schwanger ist, darf sie die Tablette nicht nehmen, und eurem papacito muesst ihr sagen, er darf eine Woche keinen Schnaps trinken. Oje, ob das mal gutgeht… Mir wollten sie auch so eine Tablette andrehen und fanden es ganz komisch, dass ich sie nicht nehmen wollte. Gibt doch was umsonst, und du wohnst doch auch hier, du hast doch bestimmt auch alles moegliche. Nein, eben nicht, wir machen regelmassig Tests im Labor und ich habe nichts und nehme nicht einfach eine von diesen Hammertabletten, wenn ich nicht weiss, ob ich sie eigentlich brauche. Konnten sie irgendwie nicht nachvollziehen, aber ich habe mich durchgesetzt. Als das Gesundheitszentrum dann fertig war, kamen noch mehr Aerzte an: Mal wieder ein Team Amis, die sich nuetzlich machen wollten und den armen kleinen Indio-Kindern helfen, damit sie sich toll fuehlen koennen. In diesem Fall war es vielleicht auch ganz gut, sie haben aus unserem Essensraum ne Zahnklinik gemacht und umsonst behandelt. Dann gabs noch ne Zahnbuerste fuer jedes Kind und einen Vortrag zum Thema Zaehneputzen. DAs war in 5 Minuten abgehandelt, danach gabs nen 10minuetigen Vortrag uber die Gesundheit unserer Seele, weil wir ja alle Suender sind und schlechte Menschen und wir muessen alle ganz viel Beten und in die Kirche gehen und alle Mitmenschen zum RICHTIGEN Glauben bringen. Daher weht also der Wind, irgendwelche Evangelisten. So heissen die hier. Hier gibts naemlich nicht katholisch und evangelisch, sondern katholisch und die Evangelisten, gar nicht so wenige, und das sind halbe Sekten, die sind richtig krass drauf… Aber das ist ein anderes Thema.

Nach dieser Gehirnwaesche musste ich jedenfalls nach Otavalo. Eigentlich haette ich naemlich das fuer Freitag vorgesehene Muttertagsprogramm in der Schule verpasst, weil ich reunion gehabt haette, aber meine Lehrerinnen wollten unbedingt, dass ich dabei bin, auch, um meinen Abschied zu feiern. So musste ich mich entschuldigen lassen und als ich die Erlaubnis hatte, noch 6 Plastik-Suppenschuesseln als Preis fuer die Mamas besorgen. Und fuer so einen Bloedsinn zurueck nach OTavalo fahren… Ausserdem musste ich noch nen weiteren Rucksack mit Klamotten fuer Donnerstag hochschleppen, da sollten wir naemlich mit der Schule bei so nem komischen Umzug mitgehen und wenn ich wieder wie beim dia de la bandera mit dreckiger Hose angekommen waere waere das nicht so gut gewesen…

So bin ich wieder mit nem riesigen vollen Rucksack in Angla angekommen, in stroemendem Regen- sehr gut fuer meine Gesundheit. Also so schnell wie moeglich hoch und das war nach einem Tag mehr Antibiotika nicht viel einfacher als am Montag. Im Rekordtempo von 30 Minuten bin ich in meiner Familie angekommen- und hatte dann noch nicht mal mehr Kraft, mir meine Schuhe auszuziehen. Als ich das nach 10 Minuten geschafft habe, bin ich auf mein Bett gefallen und eingeschlafen. Ne halbe Stunde spaeter habe ich mich dann ueberwunden, wenigstens die durchgeschwitzten Klamotten zu wechseln. 6 Tage Antibiotika reichen also und die gute Kondition von 9 Monaten Hoehenluft ist wieder weg. Aergerlich…

Mittwoch: Wieder kaum Schule, hauptsaechlich ueben fuer den Umzug morgen. Hier muss man in solchen Umzuegen naemlich marschieren, links zwo drei vier, und das koennen die Kinder ueberhaupt nicht. Also von morgens 8 bis mittags um 1 marschierend und in 4er-Reihen Runden auf dem Fussballfeld drehen, mit Marschmusik im Hintergrund. Und wenn die Kinder Bloedsinn machen, gibts nen Klaps auf den HIntern mit dem grossen Schullineal- so wird hier gedrillt. Nuetzt aber trotzdem nicht so viel, die Kinder koennen immer noch nicht den Takt halten und das rechte Bein genauso hochheben wie das linke, sieht immer eher nach humpeln aus was die machen, und wenn man dann auch noch die Arme mitbewegen soll, ist das so eine Ueberforderung wie wenn man von einem Kind, was nicht 2+2 rechnen kann nach den binomischen Formeln fragen wuerde. Aber sowas ist hier ja auch nicht ungewoehnlich. Meine Direktorin kann ja auch nicht 27-16 rechnen. Die ist an dem Tag uebrigens 2 Stunden zu spaet gekommen, weil in ihrem Haus vom vielen Regen eine der Lehmwaende eingestuerzt war und sie mit ihrer kleinen Tochter dort die ganze Nacht verschuettet war. Also nicht eingegraben, aber der Weg war ihr abgeschnitten und alle ihre Geschwister mussten die Nacht lang Lehmziegel und sonstige Steine aus dem Weg raeumen um sie wieder zu befreien.

Mittwoch nachmittag war mal wieder backen angesagt, immer noch kein Wasser, immer noch Wasser von den Nachbarn anschleppen, wieder 1000 Broetchen, das Broetchenrollen ist mitlerweile schon Routine. Diesmal war noch eine andere Frau mit dabei, die es allzu gut mit mir meinte und mich 5 Stunden lang mit den frischen Broetchen gefuettert hat, und das darf man ja hier nicht ablehnen. Abends war ich ganz schoen satt, das stopft fast so wie Reis mit Kartoffeln…

Donnerstag: 6:00 Uhr aufstehen und versuchen, mich ohne Wasser, was nun endgueltig ausgegangen war, zu waschen. Na gut, dann eben nicht waschen und so schickmachen. Regenjacke und schicke Schuhe in die Tasche und ab nach San Pablo. Dort dann Schuhe wechseln, Matschschuhe in die Tasche und Ballerinas an und das Desfile konnte losgehen. links, zwo, drei, vier, losmarschiert! Eine Runde durch San Pablo. Leider waren die Colegio-Schueler schon so weit vor uns, dass sie schon fertig waren und als Zuschauer am Rand standen als wir dann auf dem Hauptplatz angekommen sind. Und wie das so ist wenn eine gringa vorbeilaueft und dann auch schon schickgemacht und dann auch noch im Umzug, wurde mir natuerlich von ueberallher von allen Seiten hinterhergepfiffen und bloede Sprueche gerufen, am Besten noch auf Englisch I love you und  Chello, beautiful und sonstnochwas. Fanden natuerlich alle witzig, am meisten die Praktikantinnen und die Kiddies, und ich waere mal wieder am liebsten auf der Stelle im Boden versunken. was wollt ihr eigentlich, ihr seid doch alle mindestens 2 jahre juenger als ich? Grrr… Wir sind das ja gewoehnt und reagieren da eigentlich schon gar nicht mehr drauf, aber in Gegenwart der Kinder ist das echt peinlich…

Donnerstag nachmittag habe ich hauptsaechlich in meinem ZImmer gesessen, da mir der Regen schon 3 Hosen durchnaesst hatte und nur noch meine Schlafanzughose uebriggeblieben war. Und mir Gedanken gemacht, wie wohl am naechsten Tag der Abschied in der SChule werden wuerde. Eigentlich wollte ich ja nicht dran denken, aber trotzdem hat es mich sehr beschaeftigt…

Freitag sollte in der Schule ein grosses Programm zum Muttertag stattfinden und gleichzeitig auch zu meinem Abschied. Bloederweise stellte sich morgens heraus, dass irgendetwas nicht fertiggeworden ist, meine Lehrerinnen haben ganz aufgeregt auf meine Gastschwester eingeredet, weil meine Gastmutter wohl irgendetwas organisieren oder vorbereiten sollte, und danach wurde mir mitgeteilt, ich muesste nochmal ein anderes Mal kommen, am 20. Juni wuerden sie dann ein Abschiedsfest fuer mich machen. Schoen, da hatte ich mich schon drauf eingestellt, mich zu verabschieden, alle Sachen mitgeschleppt, von denen ich ja letzte WOche schon erzaehlt hatte und dann sowas- trotzdem hat es sich schon ziemlich nach Abschied angefuehlt, da es mein letzter offizieller Arbeitstag war- alle 5 Minuten kam ein Kind an, klammert sich an mich und guckt mich mit ganz trauriger Miene an: No se vaya, senorita, geh nicht weg… Hilfe!

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Das Muttertagsprogramm war auch noch eine recht interessante Erfahrung, hat es doch sehr an einen Kindergeburtstag erinnert. Wir Lehrer hatten jeder einen Preis besorgen muessen (jeweils 6 Plastiksuppenschuesseln), die Muetter mussten sich dann in irgendwelchen komischen Spielchen um die Preise zanken. Ich sollte so ein bloedes Spiel mit denen spielen, wo die Mamis ein verstecktes Ei suchen muessen und ich dazu ein Lied singen (Die Senora Huhn hat gerade ein EI gelegt, wo hat sie es bloss hingelegt, such es, such es, such es…auf Spanisch natuerlich…) Da ich aber nicht singen wollte habe ich stattdessen Topfschlagen spielen lassen. Ist ja fast das gleiche… Die Suppenschuesseln hat wennigstens meine Gastmutter gewonnen…

Muttertag

Ja, und dann weg aus der Schule. Obwohl ich meiner Gastmutter 10x erklaert habe, dass ich ja noch wiederkomme und wir uns noch nicht verabschieden muessen, hat sie trotzdem schon geweint. Ach man das ist furchtbar, ich will nicht hier weg… Als ich mich von euch allen verabschiedet habe, wusste ich wenigstens, dass ich euch in 10 Monaten wiedersehe… Aber bis ich jetzt wieder das Geld zusammenkriege fuer einen Ecuador-Flug, wird es wohl etwas laenger dauern.

Und jetzt habe ich Ferien. Auch mal ganz nett! Obwohl wir schon recht verrueckt sind. Der erste MOntag, den wir nicht um halb 6 aufstehen muessen, schlafen wir tatsaechlich aus- bis viertel nach 6. Dann konnten wir nicht mehr schlafen. Diese Woche gibts auch noch einiges zu tun, Abschlussbericht schreiben, groessere Markteinkaeufe taetigen, Klamotten kaufen gehen, wo doch alles so schoen viel billiger ist als in Deutschland, Foto-Cds brennen und so weiter und so fort… Freitag geht es dann nochmal auf Reisen fuer eine Woche, wir wollen noch nach Cuenca- was wir ja eigentlich schon an WEihnachten geplant hatten. Das Wochenende danach ist eine Imbabura-Besteigung mit Zelten bei den Lagunen auf ueber 4000m geplant- mit allen guten Freunden hier. Das wird ein Abenteuer, das muss noch sein. Hoffentlich ist das WEtter gut, dann schaffen wir vielleicht auch bis ganz nach oben zu klettern – auf 4800m. Wie gesagt, auf den Hausberg muessen wir noch. Ich freue mich, das wird das Highlight! Hoffentlich macht mein Antibiotika-geschwaechter Koerper mit. Ich werde dann berichten!

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Responses

  1. ih geht doch nicht etwa mit den san roquenhos auf den imbabura? und mal wieder mit zelt…
    ach ja, mit den 2 jahre jüngeren colegioleuten ist das auch sone sache…

    oh gott, ihr armen, jetzt müsst ihr euch auch verabschieden, wenn cih das so lese, kommt da der ganze abschiedsscheiß wieder in mir hoch…eieiei

    cuidense muucho


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